Tassilo und Carmelia sind darstellende Künstler einer etwas chaotischen Kleinbühne, dem Cirkus-Cabaret. Eines Abends nach der Vorstellung kommt es zu folgender Unterhaltung:


Ganz gegen seine Gewohnheit saß Tassilo eines Abends nach der Vorstellung mit Carmelia bei einem Gläschen Wein in der Kantine. Eine halbe Stunde später wünschte er sich, sie hätte ihn nie überredet noch zu bleiben. Er mochte sie gerne und es gab kaum jemanden der ihn besser kannte, als sie – außer seiner Mutter und seiner Ex-Verlobten vielleicht. Auch er hatte sie im Laufe der Jahre, die sie schon zusammen arbeiteten sehr gut kennen gelernt. Vielleicht hatte er geglaubt, ihr vertrauen zu können, als er zu erzählen begann, was er noch keinem erzählt hatte, und was er auch nicht vorgehabt hatte jemals irgendwem zu erzählen.

„Meine Muse – sie ist die einzige, die mich besucht,“ sagte er mit einem Lächeln auf dem schiefen Mund zu ihr. Und dann war gekommen, was kommen musste. Carmelia wollte alles über sie wissen.
„Manchmal kommt sie, manchmal nicht, und dann fallen mir Dinge ein ...“
Sie war schon länger nicht mehr da gewesen. Sie kam eben nur, wenn sie wollte und seit einiger Zeit fragte er sich, ob er etwas falsch gemacht hatte.
„War sie schon einmal bei uns in der Vorstellung?“ wollte Carmelia wissen, neugierig wie sie war. „Warum hast du sie mir noch nie vorgestellt?“
Tassilo musste lachen. „Das geht nicht. Die sehe ja nur ich.“
Carmelia kniff ungläubig die Augen zusammen. „Es gibt sie also nur in deiner Phantasie?“ Sie klang ein wenig enttäuscht.
„So würde ich das nicht sagen.“
„Verstehe ich nicht. Wenn es sie richtig gibt, dann kannst du mich doch einmal mit dir bekannt machen. Bin ich nicht deine beste Freundin?“
„Hm – klar,“ sagte er mit einem verrutschten Lächeln. Er lächelte, weil das besser war, als zu heulen und vor Wut zu brüllen. Eben wurde ihm klar, was er hier gerade preisgab, und, dass es kein Zurück mehr gab. Nicht einmal Carmelia würde das verstehen.
„So einfach ist das nicht. Sie ist nur für mich da.“

Carmelia richtete ihre schlanken Schultern ein wenig auf und begann dann den restlichen Wein aus der Flasche auf die beiden Gläser zu verteilen. Sie seufzte und stützte ihr Kinn auf die Hand.
„Ach Tassi ...,“ sagte sie. „Du solltest dich endlich einmal nach einer richtigen Freundin umschauen. Es ist höchste Zeit. Jetzt bist du dreißig – und jünger wirst du bestimmt nicht.“
„Was soll das denn heißen? Du glaubst mir nicht? Ich bin mit meinem Leben zufrieden, so wie es ist.“
„Mach dir nichts vor! Dann müsstest du dir doch keine Muse einbilden, die nachts zum Fenster hereinschwebt.“
„Sie ist echt,“ sagte er und sprang von seinem Sessel auf, so dass die Angestellten, die bereits dabei waren, die Tische abzuwischen, einander vielsagende Blicke zuwarfen. Diese Künstler - von denen war keiner ganz dicht – aber das war kein Geheimnis.

Tassilo leerte sein Glas, streckte das Kinn ein wenig vor und ging mit großen Schritten aus dem Raum, ohne seinen Worten noch etwas hinzugefügt zu haben.
Carmelia zuckte mit den Schultern, schüttelte den Kopf und fuhr sich mit der Hand über die Haare.
„Schreiben Sie’s auf meine Rechnung,“ sagte sie zu dem Mädchen, das die Weinflasche und die Gläser abservierte. Bald nach dem Tassilo die Türe zugeworfen hatte, schnappte Carmelia ihre Handtasche und verließ den Raum mit hoch erhobenem Haupt durch die gegenüber liegende Türe.