Ich wachte auf, öffnete die Augen und alles blieb schwarz.
Ich war tot.
Das war das einzige, dessen ich mir in diesem Moment wirklich sicher war. Der Rest lag irgendwo in der Finsternis. Ich wusste weder, wie alles gekommen war, noch wer ich überhaupt war. Ich wusste nur dass ich tot war, dass ich Durst hatte und, dass es nach frischen Rosen roch. Ich lag auf etwas Hartem, das meinen Schulterblättern und meinen Rückenwirbeln Widerstand leistete und als ich versuchte, mich anders hinzulegen, stieß ich gegen etwas. Ich konnte mich nicht bewegen. War ich überhaupt noch ich? Hatte meine Seele den Körper noch nicht verlassen? War ich nicht tot? Zumindest hatte ich einen Körper. Ich konnte doch das Harte unter meinem Rücken spüren und die Rosen riechen. Ich versuchte noch einmal mich zu bewegen und wurde mir diesmal auch meines Kopfes bewusst – ganz deutlich - als ich fühlte, dass er dumpf an die Wand über mir stieß.
Also gut – ich konnte mich doch bewegen. Im Prinzip. Es waren nur diese mit Samt überzogenen Wände, neben mir und unter mir, die mich festhielten. Ebenso wie knapp über mir.
Ich musste also in einem Sarg liegen. Natürlich. Ich war tot.
Und wenn ich doch nicht tot war?
Ich öffnete den Mund und versuchte irgendwas von mir zu geben, einen Laut zu produzieren - es funktionierte. Ich schrie. Und ich schlug mit Armen und Beinen gegen die Wände des Sargs. Das Gepolter dröhnte in meinen Ohren, und schien trotzdem mit mir zusammen in meinem winzigen Gefängnis eingeschlossen zu bleiben. Es war als wäre der Sarg zu klein für solchen Lärm. Ich wünschte mir, ihn mit meinen Schreien sprengen zu können, aber es geschah nichts. Wer sollte mich hier auch hören? Vielleicht war ich schon auf dem Friedhof und unter der Erde? Ich zog die Arme an meinen Körper zurück und weinte.
Dann polterte es noch einmal. Diesmal war das nicht ich. Ich wurde hin und her geworfen und schließlich hörte ich über mir ein Kratzen. Einen Atemzug später konnte ich endlich etwas sehen. Ich blickte direkt in zwei graugrüne Augen, die nur wenige Zentimeter von meinen entfernt waren. Damit fiel mir alles wieder ein. Der Kellerbursche. Er war bleich und dreckig, beugte sich über mich und grinste mich an.

„Ich zeig dir was!“, hatte er zu mir gesagt. „Ich zeig dir, was zu sein willst. Ein neues Leben!“ Er hatte gewusst, dass ich mit meinem Leben unzufrieden war. Er musste es mir angesehen haben. Ich hatte mich immer gefragt, was ich davon hätte, von einer kleinen Baroness zur Gräfin aufgestiegen zu sein, wenn mein Mann nie Zeit für mich hatte und ich nur von Leuten umgeben war, die dafür bezahlt wurden, dass sie sich mit mir unterhielten. Meine einzige Freude war mein kleiner Sohn gewesen. Doch ein schrecklicher Unfall, hatte ihn mir entrissen. Er war beim Spielen in den Teich gefallen und ertrunken. Von dem Tag an ging ich oft alleine im Park unseres Schlosses umher und fragte mich wozu das alles gut sein sollte. Wozu lohnte es sich überhaupt zu leben, wenn man sich die ganze Zeit nur für einen Mann aufopfern musste, den man nie zu Gesicht bekam. Wie konnte ich jemand anderen glücklich machen, wenn ich es selbst nicht war?

Dann war er aufgetaucht. Dieser grässliche Kellerbursche. Ein neues Leben? Er hatte doch nicht im Ernst angenommen, dass ich mich mit einem wie ihm einlassen würde? Was meinte er bloß? In meiner Naivität hatte ich gedacht ich könnte mir ja einmal anhören, was er zu sagen hatte. Ich war einfach neugierig geworden und es war selten genug, dass mir etwas interessantes passierte. So war es ihm gelungen mich in den Keller zu locken, wo es so finster gewesen war, dass ich nicht sehen hatte können, was er mit mir machte. Es war mir unmöglich gewesen, mich zu wehren. Ich erinnere mich nur an einen scharfen Schmerz an der Kehle und dann an nichts mehr.

Jetzt stand er vor mir und hatte die Unverfrorenheit, mich so ganz ohne jeden menschlichen Anstand anzugrinsen. Wusste er nicht, wen er hier vor sich hatte?
„Entschuldige. Ich musste deinen Sarg aus der Grabnische ziehen. Das ging leider nicht sanfter.“
Perplex starrte ich ihn an. Ich griff an die Ränder des Sarges, zog mich auf und fauchte ihn an: „Erstens verbitte ich mir solch ungehobeltes Benehmen! Sag Er einmal – weiß Er denn nicht wie man eine Dame anspricht? Und zweitens möchte ich unverzüglich wissen, was hier gespielt wird! Was soll das alles?“
„Reg dich ab. Du bist tot –so wie ich. Deshalb können wir die blöde Höflichkeit auch gleich weglassen. Jetzt ist dein Adel so und so nichts mehr wert.“
Was sagte er da? War das eine Verschwörung? So etwas wie in Paris? So ein Aufstand?
„Tot. Also doch! Wir beide? Tot? Ha? Das hier kann trotzdem unmöglich der Himmel sein.“ Hier war es nämlich stockdunkel und jeder wusste doch, dass der Himmel ein strahlend heller Ort war. Ich wollte mir von diesem ordinären Menschen diese Vorstellung auf keinen Fall nehmen lassen. Doch der lachte mich nur aus.
„Himmel? Ich wäre ins schwärzeste Loch der Hölle gekommen!“
„Dachte ich mir doch.“
„Das ist deine Familiengruft.“
„Und wir sind tot ....“
„Genau – zumindest als Menschen ....“
„Sind wir denn jetzt keine Menschen mehr? Er sieht nach meinem Ermessen noch sehr menschlich aus.“
Er seufzte auf.
„Könntest du mich vielleicht ausreden lassen? Dann könnte ich versuchen, dir zu erklären, wie das ist ....“
„Ich höre!“
„Das ist nicht ganz einfach zu verstehen ....“
“Ich versuch’s ja schon die ganze Zeit ...“
„Bitte! Sei einfach still und hör mir zu!“ Er fuhr sich durch die zerzausten Haare und rieb die Hände aneinander. Es sah aus, als wollte er sich eine Ausrede überlegen.
„Wir sind Vampire,“ fuhr er mit knochentrockener Stimme fort und wirkte dabei fast ernsthaft. Ich hatte keine Vorstellung, wovon er sprach.
„Wir ernähren uns von Menschenblut.“
Jetzt war ich die jenige die blöde grinste. Etwas, das so lächerlich war und gleichzeitig so ekelhaft, hatte ich noch nie gehört.
„Was? Das kann unmöglich Sein Ernst sein. Ich glaube Er will sich einen Spaß mit mir erlauben.“
„Dann glaub mir eben nicht.“ Seine Stimme klang beleidigt.
Ich sah an mir selbst herunter, wie ich immer noch in meinem blasslila Kleid mit schwarzem Spitzenbesatz in einem Sarg voller Rosen saß und begann mich darüber zu wundern, dass ich das in dieser Finsternis überhaupt sehen konnte. Die Situation war so grotesk, dass ich schnell aufhörte mich zu wundern und mich plötzlich fragen hörte:
„Menschenblut? Müssen wir das denn?“
„Müssen? Was muss man denn schon?“
„Ich meine – sterben wir sonst?“
„Soweit kommt es nie. Ebenso so wie es einem Sterblichen nur schwer gelingen kann, Selbstmord zu begehen indem er einfach die Luft anhält. Es geht einfach nicht. Man müsste eine enorme Selbstbeherrschung aufbringen und Selbstbeherrschung ...? Damit ist es bei Vampiren nicht weit her. Außerdem sind wir ja schon tot – obwohl ... nicht ganz unverwüstlich. Weißt du, wir finden meistens eine Möglichkeit, um an Blut zu kommen.“
Ich sah den Burschen an, wie er so in seinen schäbigen Kleidern vor mir hockte. Er blickte mich an mit seinen hellen graugrünen Augen. Vorhin am Kellereingang hatte seine Hautfarbe einfach nur ungesund und irgendwie grau ausgesehen und ich hatte schon Angst gehabt, mich bei ihm mit irgendeiner scheußlichen Krankheit anzustecken. Jetzt ging fast ein Leuchten von diesem weißen Gesicht aus. Er war klein und schmächtig. Wenn er sich bei uns als Kellergehilfe getarnt hatte, dann war das bestimmt nicht so weit hergeholt. Vielleicht hatte wirklich immer in dunklen Gängen auf allen vieren gearbeitet, und zuwenig Licht und zu wenig zu Essen bekommen. Er sah unheimlich aus, dieser Vampir, Betrüger oder was auch immer er war.

„Wenn wir tot sind,“ überlegte ich, „dann können nicht mehr sterben, oder? Was meinst du dann mit ‚nicht ganz unverwüstlich’?“
„Wir können nur im Dunkeln überleben. Sonnenlicht schadet. Tagsüber schläft man besser im Sarg. Es wird dir nicht entgangen sein, dass du trotzdem es stockfinster ist, besser sehen kannst als zuvor.“
Ich war erstaunt. Alles fügte sich langsam zu einem Ganzen zusammen. Ein Ganzes, das ich mich weigern wollte zu erkennen. Doch hatte ich eine andere Wahl? Mir erschien das alles immer noch so unglaublich wie ein Traum. Ein Traum bei dem man genau wusste, dass man träumt. Ich wollte endlich aufwachen. Blut trinken, nur nachts ausgehen können, im Sarg schlafen ... Ich konnte mir nicht vorstellen so zu leben und ich wollte es auch gar nicht.

Lange sagte ich nichts. Auch er schwieg und hockte ganz still in einer Ecke der Grabkammer. Irgendwann als mein Kopf ganz leer war, sagte ich laut:
„Man merkt, dass Er überhaupt keine Manieren hat, Er wurde nie richtig erzogen.“
„Natürlich wurde ich das.“ Er saß jetzt so gut versteckt in irgendeiner Ecke, dass ich ihn nicht sehen konnte. Ich konnte nur seine Stimme hören. Sie klang zynisch.
„Er erzählt mir solche Märchen und kommt nicht einmal auf die Idee sich vorzustellen.“
Plötzlich stand er vor mir, ohne, dass ich gesehen hätte, wo er so schnell hergekommen sein konnte.
„Ich bitte vielmals um Verzeihung.“ Er machte eine unbeholfene Verbeugung und stolperte dabei fast über seine eigenen Füße.
„Mein Name ist Albert. Dass du Franziska heißt weiß ich übrigens schon.“
„Natürlich. Und will Er mir sagen, wie Er noch heißt?“
„Mein Nachname ist doch nicht Bedeutung. Ich kenne ihn selbst nicht. Aber mach dir deswegen keine Sorgen. Von meiner degoutanten Gesellschaft bist du bald befreit. Die meisten Vampire stammen wie du aus besten Häusern.“
„Will Er damit sagen, dass es noch mehr von Seiner Sorte gibt?“
Meine Unwissenheit schien ihn zu amüsieren, er lachte schon wieder.
„Was dachtest du denn?“
Es war mir bereits peinlich, dass es so vieles gab was ich nicht wusste. Vielleicht war es mir aber auch nur peinlich, dass er mich auslachte. Ich wusste nicht einmal ob er mir die Wahrheit sagte. Er konnte mit mir machen was er wollte.
„Wie bin ich eigentlich ein ‚Vampir’ geworden?“
„Ich habe dich gebissen und dir dein blaues Blut ausgesaugt.“ Er nickte noch einmal, wie um seine Aussage zu bekräftigen. Mir wurde eiskalt vor Entsetzen.
„Ich sprang auf die Füße und pflanzte mich vor ihm auf. Er war kaum so groß wie ich.
„Du! Mich ausgesaugt? Was fällt dir überhaupt ein ... nur kein falscher Ehrgeiz. Mein blaues Blut macht aus dir noch lange keinen feinen Menschen! Ich will sofort zu den anderen Vampiren, zu denen, die angeblich eine bessere Kinderstube hatten, als du! Falls es die überhaupt gibt! Falls das nicht eine Lüge war. Falls du mich nicht überhaupt von Anfang bis Ende angelogen hast!“
„Morgen,“ sagte er nur leise. „Wenn du mir nicht glaubst dann kannst du dich übrigens in den Hintern zwicken. Falls du so was hast. Ich wollte immer schon wissen, was die feinen Damen unter ihren vielen Röcken haben.“
Ich versuchte seine Obszönitäten zu überhören, aber je angestrengter ich versuchte ruhig zu bleiben, desto wütender wurde ich.
„Ich will deine Lügen nicht mehr hören! Vampir! Bei mir musst du schon früher aufstehen, du Nachtvogel! Die Betonung liegt auf Vogel! Ich habe dich durchschaut! Ich weiß doch, was du willst!“ Ich raffte meine Röcke zusammen.
„Mit allen Mitteln versuchen sie es, diese Schweine! Mir reicht’s! Ich gehe! Adieu!“
Ich lief gerade aus, bis ich gegen eine Mauer stieß. Wie gehetzt tastete ich die Wände ab und warf mich dagegen, um endlich den Ausgang zu finden, aber – der Stein unter meinen Händen gab nirgends nach – ich musste doch irgendwie hier herein gekommen sein? Eingesperrt. Wie vorhin im Sarg ... Dass es hier nicht ganz so eng war machte es nicht weniger unangenehm. Ich begann zu fühlen wie meine Kräfte nachließen. Ich hatte mich überschätzt. Der Raum begann zu Schaukeln, meine Knie zitterten und auf einmal waren da zwei schlaksige Arme, die sich um meinen Körper legten.
„Werd nicht ohnmächtig,“ hörte ich Albert leise murmeln. „Diese elendigliche Moral, die musst du dir abgewöhnen. Hörst du? Aber das geht schneller als du glaubst. Komm jetzt...“
Er hörte sich so beruhigend an – hypnotisierend – ich begann mir einzureden, dass es möglich war, dass doch ein guter Kern in ihm steckte.
„Aller Anfang ist schwer,“ sagte er, während er mich stützte und in eine andere Ecke der Kammer führte. Seine Arme waren stärker, als ich es so einem Männchen zugetraut hätte. Er zeigte mir einen menschlichen Körper, der reglos auf dem Boden lag.
„Beiß dich fest und trink!“
Mit aufgerissenen Augen starrte ich die Leiche an – nein dieser Mensch war nicht tot, aber was jetzt geschah konnte ich noch weniger fassen – denn plötzlich hatte ich Durst, ich war plötzlich ganz gierig auf diese Leiche.
Meine Eckzähne wurden lang und scharf - ich stand da, mit weit aufgerissenem Mund, befühlte die scharfen Kanten der Zähne vorsichtig mit der Zunge und brauchte keine Erklärungen mehr um zu wissen wie es ging. Ich bohrte meine neuen Beißwerkzeuge in den Hals dieses dicken Mannes und trank bis ich nicht mehr konnte. Dabei verspürte ich eine Lust, die mir völlig verboten vorkam.
Dann trank Albert. Er erklärte mir, dass man verhindern konnte, dass dieser Tote auch zum Vampir wurde, indem man ihn vollständig aussaugte. Ich war erschöpft und berauscht zugleich, aber satt. Ich ließ mich in eine Ecke fallen und sah mich erstmals richtig in dieser Grabkammer um, die jetzt wohl mein Zuhause war. Sie war geräumig und es gab eine Grabwand mit vielen Nischen die mit Steinplatten verschlossen waren. Auf den Steinplatten standen die Namen, Geburts- und Sterbedaten der Vorfahren meines Mannes. Auf dem Boden lag die quadratische Platte mit meinem Namen und einen halben Meter über dem Boden klaffte die leere Nische in der Wand.
„Wie lange bist du schon Vampir?“ fragte ich ihn. Meine Stimme klang schleppend und rauer als sonst.
„Seit ungefähr zwanzig Jahren. Ich weiß es nicht so genau.“
„Zwanzig Jahre ...“ Ich lehnte mich zurück, während er sich beeilte einzuwerfen: „Das ist nichts, wenn man bedenkt, dass wir praktisch nicht sterben können. Wir werden für immer da sein.“ Ich ließ diese Worte auf mich wirken, dachte über sie nach, aber damals hatte ich noch keine Ahnung, was sie für mich bedeuten sollten.
„Und ... wie ist es bei dir passiert? Wer hat dich gebissen?“
„Das wird dir nicht weiterhelfen,“ antwortete er ausweichend.
In dieser Hinsicht sind Vampire, wie die Menschen, wie ich später herausfinden sollte. Auch wenn wir alles Menschliche und Sterbliche abgelegt haben, weichen wir unangenehmen Fragen au. Wir sind keine ehrlichen Geschöpfe. Wir lügen viel und leidenschaftlich gerne. Das Gewissen stirbt mit den Jahren, was uns den Rest der Ewigkeit unglaublich erleichtert.
„Es wird bald Tag,“ sagte er schließlich und gähnte. „Ich muss hier weg. Wir sehen uns morgen nacht.“
Er übte Druck auf eine bestimmte Stelle an der Wand aus und ein Spalt öffnete sich. Ich lief hinter ihm her. Hinaus aus meinem Grab und hinaus in die Nacht. Ich blieb auf der Treppe stehen, die in den Park hinunter führte und sah ihm nach, wie er fortlief. Ein Schatten der leicht wie Staub zwischen Steinen, Figuren und Kreuzen auf - und abhüpfte und schließlich verblasste.




Illustration:
@ Tina Müllner

Text:
© Astrid Stangl