Das Cabaret Fledermaus

Eine wahre Begebenheit aus dem Unialltag .....


Ein verschlafener Montagnachmittag im Jänner. Draußen klirrt die Kälte und frisst sich in Nasen und Ohrmuscheln. Im Audimax der Uni Wien hat sich eine Handvoll Studenten zur Hauptvorlesung eingefunden. Weil bald Prüfung ist. Oder auch, weil die Ausführungen über das Theater der Jahrhundertwende eine ideale Kulisse bilden zum Einkaufszettelschreiben, Kalendereintragen, Gedichte auf den Block kritzeln etc.
Der Professor vorne auf dem Podium beschreibt die Herrlichkeiten vergangener Zeiten. Von Veranschaulichung durch Bildmaterial hält er nichts. Man hat sich mit an die Wand geworfenen Namen in fitzelkleiner Schrift zu begnügen – und sitzt sicherheitshalber oben auf der Galerie, um beim Tratschen nicht gleich blöd aufzufallen.
„Der Raum in dem die Wiener Werkstätte sich verwirklichte, das Cabaret Fledermaus, wurde am 19. Oktober 1907 eröffnet,“ sagt der Herr Professor. „... Farbensynfonie der kleinen Dinge .... die Logenlampen waren einfache Kugeln aus Milchglas ..... Boden weiß mit schwarzen Kacheln darauf ... Fledermausstühle – weiß oder schwarz, rot gepolstert .... die Wände bis in Überkopfhöhe ...“
Köpfe recken sich in die Höhe. Unter der Ziegeldecke des halb renovierten Saals, also in Überkopfhöhe, schwirrt etwas unaufhörlich im Kreis: zu klein um sofort bemerkt zu werden, aber zu ungewöhnlich, als dass man sich weiterhin auf die Worte da vorne konzentrieren könnte. Ein Vogel. Eine Amsel, die sich hereinverirrt hat.
Nein. Keine Amsel, kein Vogel – eine .... Fledermaus!

Die hektischen Kreise, des verschreckt, flatternden Wesens werden größer. Die Hörer auf der Galerie müssen bereits regelmäßig die Köpfe einziehen. Wer in diesem Semester auch die Hitchcock-Vorlesung besucht, zu viel Phantasie hat, oder beides, dem kommen bei dem wilden Geflatter bereits mulmige Vorahnungen.
Inzwischen hat sogar der Herr Professor auf dem Podium die allgemeine Unruhe bemerkt. „Vielleicht eine Amsel. Das ist ja schön, dass wir hier Natur herinnen haben ...“
„Eine Fledermaus! Eine Fledermaus!“
Eine Fledermaus, die sich darauf versteht genau zu ihrem Stichwort aufzutreten.
„Ich hab’ die nicht ausgelassen,“ schwört er und versucht weiterzulesen. Doch dann weitet die Fledermaus ihren Flug auch auf den unteren Teil des Saales aus. Da kann er nicht weiterlesen, denn das Schwirren und Flattern lässt sich nicht mehr ignorieren. Schließlich öffnet sich eine Seitentüre und das Vieh flattert ganz zielstrebig darauf zu und hinaus.

Drei Studenten rennen gleich hinterher um zu sehen, wie es dem Tierchen weiterhin ergeht.
„Die haben wir gestört beim Schlafen. Schauen Sie dass sie nett behandelt wird,“ schickt ihnen der Herr Professor hinterher. Aber viel können sie bei einer Fledermaus in Überkopfhöhe nicht ausrichten. Bei ihrer Rückkehr können sie lediglich vermelden, dass sich das Tier jetzt im Hof befindet.
„Da wird’s erfrieren,“ konstatiert Herr Professor trocken, und macht einen Vorschlag:
„Beim Hinausgehen werden wir sie einfangen und dem Rektor ins Büro bringen – als Ergebnis unserer Vorlesung.“

Und weiter ging die Beschreibung des Cabaret Fledermaus. Der Verfasserin dieser Zeilen ist nicht bekannt, ob es jemandem gelang den Rektor derart zu beglücken. Sie hofft so wie ihre Mitstudierenden, dass die Fledermaus nicht im Hof erfroren ist, sondern eine warme Ritze im ohnehin löchrigen Universitätsgemäuer gefunden hat. Vielleicht hält sich die Fledermauskolonie an der Uni Wien noch für längere Zeit, als die Künstler der Wiener Werkstätte ihr gleichnamiges Cabaret halten konnten.

25.9.07 19:19

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